Home > Awareness > Grenzerfahrungen – Erfahrungsbericht von den Balkangrenzen

Ende Oktober bin ich für knapp zwei Wochen an die EU-Außengrenze gereist, um Menschen auf ihrer Flucht nach Europa zu unterstützen und Zeugin der Geschehnisse vor Ort zu werden um diese unbeschönigt kommunizieren zu können.

Im folgenden habe ich versucht einen Bruchteil meiner Erlebnisse, Eindrücke und Einschätzungen der knapp zweiwöchigen Reise im Oktober an die Grenzen der Balkanstaaten zu beschreiben. Es sind meine ehrlichen Erfahrungen, ich möchte aber vorab darauf hinweisen, dass diese nicht annähernd flächendeckend beschreiben können, was sich tagtäglich an den verschiedenen Grenzübergängen der Balkanstaaten abspielt.

            Vor knapp zwei Wochen bin ich in Berkasovo, nahe Sid, auf serbischer Seite der serbokroatischen Grenze angekommen. Wenige Stunden zuvor hatte die komplette Schließung der Südgrenze von Ungarn nach Serbien und Kroatien zu einer Umleitung der Fluchtbewegung der sogenannten Balkanroute geführt. Folglich wurden die Flüchtlingsströme von Serbien über Kroatien nach Slowenien umgeleitet. Den Großteil der Zeit verbrachte ich also an besagter serbokroatischen Grenze, wo sich besonders anfangs menschenunwürdige Zustände abspielten. Tausenden Menschen fehlte es an grundlegender humanitärer Hilfe: Wasser, Essen, Zugang zu sanitären Einrichtungen, Kleidung und Decken waren nur minimal, teilweise überhaupt nicht vorhanden. Und das bei Temperaturen um die null Grad nachts, teilweise bei Regen und Nebel.

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            Bildlich muss man sich das folgendermaßen vorstellen: Der Grenzübergang Berkasovo-Bapska befindet sich mitten im Grünen. Unter anderen Umständen würde die Region durch die Weinberge und Apfelplantagen zu einem herbstlichen Spaziergang einladen. Allerdings spielten sich dort in den vergangenen Wochen dramatische Szenen ab. Busse von der serbisch-mazedonischen bzw. serbisch-bulgarischen Grenze trafen regelmäßig unregelmäßig ein. Diese hielten ungefähr 2,5 km entfernt von dem eigentlichen Grenzübergang, mit der offiziellen Begründung dass dieses die letzte Wendemöglichkeit ist, was meiner Einschätzung nach Quatsch ist, von wo die Menschen zu Fußden leichten Hügel hoch marschieren mussten. Bei Regen in der Nässe, nachts im stockdunkeln. Bereits dies ist eine Herausforderung für viele Menschen, welche entgegen der überwiegenden Berichterstattungen in den Medien, meiner Einschätzung nach demographisch gesehen zum großen Teil aus (Groß-)Familien mit Kleinkindern zusammengesetzt sind und nicht von besagten 90% allein reisenden Männer dominiert wird.

Grenzerfahrung 2

            Oben angekommen erwartete sie zu vielen Tageszeiten das absolute Chaos. Auf serbischer Seite war so ziemlich alles davon abhängig, ob die kroatische Grenze geöffnet oder geschlossen war und somit die Menschen entweder EU-Boden betreten duften oder in Serbien ausharren mussten. Letzteres war in den ersten Tagen der dominierende Fall und die serbischen Behörden versuchten gar nicht erst den Anschein zu verdecken, dass sie die Menschen so schnell wie möglich los werden wollten. Somit stauten sich besonders über Nacht tausende Flüchtlinge auf der einspurigen Straße von Serbien nach Kroatien, welche umgeben ist von bereits abgeernteten, stark lehmigen Feldern. In den ersten Nächten gab es wenige militärische Durchgangszelte, die lediglich einen Bruchteil der Flüchtlinge vor der Nacht und dem Regen schützen konnten. Es gab eine von internationalen Freiwilligen organisierte Teeküche, Bananen- und Riegel-Ausgabe und trockene Kleidung für Kinder. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) sowie das Rote Kreuz waren so gut wie nicht präsent und verstanden ihre Aufgabe hauptsächlich darin, uns Freiwilligen Dinge zu verbieten.

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            Die ersten Tage waren besonders schrecklich. Es hatte geregnet, es war kalt, die Grenze war für unbestimmte Zeit geschlossen und Decken, Wasser, Nahrung und Zelte reichten nicht für alle Menschen. Es sind Bilder, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Menschen, die vor Erschöpfung auf der nassen Straße zwischen Müll und im schlammigen Feld sitzen und schlafen, teilweise ohne Decken, Schuhe, Klamotten…Kinder, Kranke, Alte, die versuchten sich in den wenigen Decken warmzuhalten und uns Freiwillige verzweifelt nach etwas brennbarem oder etwas Warmen fragten.Menschen in Not abweisen zu müssen war mit unter das Schlimmste. Eine entwürdigendere Szenerie als diese vieler Menschen, die zwischen stinkenden Müllbergen und menschlichen Exkrementen im tiefen Schlamm (und teilweise Dauerregen) ihre Kinder versorgten oder einfach versuchten einen Ort zum Schlafen und Ausruhen zu finden, kann mensch sich kaum vorstellen.

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Zum morgen hin wurde die gesamte Situation meist immer angespannter und mit Sonnenaufgang bildete sich eine Menschentraube von ungefähr 3.000 bis 5.000 Menschen vor dem improvisierten Grenzzaun, die größtenteils bereits seit dem Vorabend auf serbischer Seite ausharrten. Diesen wusste die kroatische Polizei zu verteidigen. Ab und an, wann immer ein Bus auf kroatischer Seite vorfuhr, wurden etwa 50 Menschen durchgelassen. Dass dabei Familien zerrissen wurden, wurde in Kauf genommen. Mit voranschreitender Zeit wurden die Menschen immer unruhiger, es wurde zunehmend geschubst und gedrängelt, die Menge wurde lauter. Inmitten der Menge waren viele alte, weniger mobile Menschen, hochschwangere Frauen und kleine Kinder. Wann immer innerhalb der Masse eine Schlägerei anfing oder ein erfolgreicher Durchbruch des Grenzzaunes zu drohen schien, drängte sich die Polizei mit Schlagstöcken und Fäusten in die Menge. Übertönt wurden die Rufe der Polizei von den panischen Schreien der vielen Menschen und dem Weinen der Kinder.Grenzerfahrung 4

            An solchen Morgen brachen viele Menschen vor Erschöpfung zusammen und verloren das Bewusstsein. Teilweise im fünf bis zehn Minuten Takt. Viele Kinder waren so stark unterkühlt, dass sie bereits nicht mehr reagierten und gar leblos im Arm ihrer Eltern hingen. Einen Krankenwagen durften wir nicht rufen. Nur in extremen Notfällen. Dass ein Mann, der vermutlich offensichtlich einen Herzinfarkt hatte (soweit wir das als Laien beurteilen konnten) dringend einen Arzt brauchte und sonst auf der Stelle versterben würde, musste erst diskutiert werden. Permanent hatte ich im Ohr, was mir die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen noch am Vorabend erklärt hatten: ”schreiende Kinder sind OK, sobald sie noch nicht einmal mehr weinen wird es kritisch.” Die Doktoren selbst durften/wollten sich nicht bis zur Menschentraube vorarbeiten, denn das Ganze spielte sich im Niemandsland ab, also offiziell zwischen Serbien und Kroatien – eine Grenze die selbst UNHCR an vielen Tagen nicht passieren durfte. Also versuchten wir kritische Fälle zu identifizieren und improvisiert zu behandeln. Ich habe aufgehört zu zählen wie viele extrem unterkühlte Kinder ich meist heimlich, kurz bevor sie in einen Bus einsteigen mussten, in Notfalldecken eingewickelt habe. Mit dazu steckte ich ihnen eine Flasche mit warmen Wasser, welche ich den kroatischen Polizisten entwendet hatte, unter die Jacke und hoffte, dass sie im Bus ”auftauen” würden bzw. im nächsten Camp versorgt werden würden.

Grenzerfahrung 7            In den ersten Tagen spitze sich die Situation meistens soweit zu, dass sobald eine kritische Anzahl an wartenden Menschen erreicht wurde, diese irgendwann einfach die improvisierten Grenzzäune mit dahinter stehenden Polizisten überrannten. Dann machten sie sich zu Fuß auf in Richtung Opatovac, dem Camp ca. 20 Kilometer hinter der Grenze. Dass dabei viele Menschen verletzt wurden, überrascht nicht. Ich weiß von mindestens zwei Menschen die an jenen Morgen auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben sind. Ein Baby das vermutlich zerquetscht wurde. Dass nicht mehr passiert ist, grenzt meiner Meinung nach tatsächlich an ein Wunder. Familien, die zerrissen wurden. Kinder die von einem Moment auf den anderen plötzlich, wenn auch hoffentlich nur temporär, Waise waren. Deren panische Schreie mir nie wieder aus dem Kopf gehen werden. Kinder, wie gelähmt vor Angst, die ich mir auf die Schultern stelle und durch die Menge rennen, in der Hoffnung, dass wir ihre Eltern finden. Und doch weiß jeder von den Helfern, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist. Den Ausgang der meisten Einzelfälle weiß ich nicht.

Grenzerfahrung 8            Was genau mit den Menschen passierte, nachdem sie kroatischen Boden betreten haben, konnte keiner genau garantieren. Offiziell wurden sie in ein vom kroatischen Militär organisiertes Camp bei Opatovac gebracht, wo sie registriert wurden und an die slowenische Grenze gebracht wurden. Allerdings war auch deren Kapazität vollkommen ausgeschöpft und von Flüchtlingen und Freiwilligen wissen wir, dass nicht alle Flüchtlinge registriert wurden, sondern teilweise direkt weiter zur Slowenischen Grenze gereist sind. Zu den Dimensionen: In Berkasovo kamen täglich zwischen 5.000 bis 12.000 Menschen an, Tendenz steigend. Opatovac hat eine Kapazität von knapp 4.000 Betten. Slowenien gewährleistet täglich offiziell zwischen 1.000 und 2.000 Menschen Transit. Die Beschreibung ’Flaschenhalseffekt’ ist eine minimale Untertreibung. Kroatien ging mit dem Problem folgendermaßen um: Sie brachten die Menschen in Bussen und Zügen, teilweise ohne Registrierung in Kroatien an einen sogenannten slowenischen ’Grünen Grenzübergang’. Sie setzten die Menschen also irgendwo im Feld oder Wald nahe der Grenze ab und zeigten in welcher Himmelsrichtung sich Slowenien fand. Hier entstanden die hässlichen Bilder von Menschen, welche bei Nacht und Eiseskälte den Grenzfluss überqueren mussten. Sie sind, wenn auch häufig anders präsentiert, keine Fälschung. Angekommen auf slowenischer Seite kann man nur hoffen, dass sie bald gefunden wurden. Wobei Slowenien auch vollkommen überfordert ist mit der Situation, von dem was ich gesehen habe. Wer Menschen, die mit Plastiktüten reisen, mit Panzern, Maschinengewehren und Militärschminke im Gesicht erwartet, hat eindeutig etwas nicht verstanden.

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         Aber zurück nach Berkasovo in Serbien: Nach knapp einer Woche besserte sich die Situation langsam. Kroatien stellte Busse im Akkord bereit, wodurch nur noch wenige mehr als sechs Stunden in Berkasovo ausharren mussten. Und Serbien stockte auch die lokale Präsenz von ursprünglich weniger als 10 Polizisten auf ganze 20 auf. Ebenso schickte die serbische Regierung täglich Inhaftierte vorbei, um zumindest den groben Müll wie zurückgebliebene nasse Decken, Kleider, verlorene Schuhe, Flaschen etc. aufzulesen. Die hygienische Situation blieb allerdings weiterhin kritisch. Es gab die ganze Zeit über kein fließendes Wasser, die Toiletten wurden anfangs erst nach mehreren Nächten geleert und eine Rechnung von 10 Toiletten für täglich Tausende Menschen kann nicht aufgehen. Somit gingen viele, einschließlich uns Freiwillige aufs Feld, in welchem sich in der nächsten Nacht die nächsten Familien ausruhten. Außerdem, wer einmal in der Menschentraube vor der Grenze war, durfte/konnte diese nicht mehr verlassen. Besonders problematisch war, dass viele vermutlich eine (Fisch/)Lebensmittelvergiftung hatten, da an einem früheren Grenzübergang abgelaufene Konserven verteilt wurden. Vielleicht war die Kälte also doch ein Segen, denn sonst hätten sich Krankheiten noch schneller verbreitet. Auch waren die lokalen Behörden und das Rote Kreuz weiterhin sehr gut darin, uns Freiwilligen Dinge zu verbieten und unsinnige Protokolle durchzuführen. Somit durften wir zum Beispiel, obwohl wir das Equipment hatten, kein warmes Essen austeilen, da wir “die hygienischen Standards nicht hätten garantierten können” wobei die Toilettensituation meiner Einschätzung nach wesentlich grenzwertiger war.

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            Mit der Zeit besserte sich die Situation ein wenig, was sich eigentlich fast ausschließlich auf das trockene Wetter und die geöffnete Grenze zurückführen ließ. Und darauf, dass teilweise bis zu 60 internationale Freiwillige vor Ort waren, die versuchten, das Nötigste bereitzustellen. Denn leider, so musste ich feststellen, ist auf die großen internationalen Hilfsorganisationen kein Verlass. Diese, sofern überhaupt vor Ort, mobilisieren nicht die finanziellen Mittel, die Ressourcen und die Infrastruktur zu denen sie eigentlich Zugang haben sollten um bedingungslos (also unabhängig der lokalen politischen Situation in Serbien/Kroatien sowie der Herkunft der Menschen) Hilfe zu leisten. Um wenige Beispiele zu geben: Das UNHCR rechnete damit, etwa 1000 bis 1500 0,5-Liter Flaschen Wasser am Tag auszugeben, während es kein Geheimnis war, dass wir an manchen Tagen aus dem Süden bzw. Osten Serbiens bis zu 13.000 Flüchtlinge erwarteten. Während in einer meiner ersten Nächte absoluter Deckenmangel herrschte, saß das gesamte UNHCR Team in ihrem von innen verschlossenen, geheizten Container und hatte nichts mehr, das sie den neuankommenden Menschen hätte geben können, während das sieben (!!!) Minuten entfernte Lager von ihnen noch halb voll mit Material war. Eingeplant wurden 500 bis 1000 Decken pro Nacht, welches für teilweise bis zu 5.000 Menschen pro Nacht bei weitem nicht ausreichend war. Eine halbe Woche konnte das UNHCR auch fast kein Wasser ausgeben, da die nächste Lieferung erst für die kommende Woche angesetzt war und kein anderer Lieferant hätte bezogen werden können. Dass das Rote Kreuz selbst wenn anwesend nicht seiner vorgesehenen Tätigkeit nachkam lässt sich sehr leicht belegen: Als ich mit einer Platzwunde am Bein, nachdem ich ironischer Weise auf den Grenzstein gestürzt war, auf der Suche nach einem Pflaster war, konnten sie noch nicht einmal Desinfektionsspray auftreiben. Es gab Abende/Nächte, in denen kein einziger Doktor aufzufinden war. Während dies nicht nur meine Erfahrungen sind, sondern die von vielen Freiwilligen verteilt auf der Balkanroute, wird dieses Bild doch erschreckend wenig in den internationalen Medien kommuniziert. Es wird gesagt, dass wir von ’Glück’ sprechen konnten, dass die Hilfsorganisationen überhaupt nachts und am Wochenende präsent waren und nicht wie an vielen anderen Grenzübergängen nur von neun Uhr morgens mit sechs Uhr nachmittags anzutreffen waren und somit die kritischsten Stunden verpassten.


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Grenzerfahrung 6        Mittlerweile ist die Situation in Berkasovo etwas ruhiger, da der Grenzübergang aufgelöst worden ist. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Flüchtlingskrise an diesem Grenzübergang überstanden ist. Es ist eher ein Anzeichen dafür, dass sich der Brennpunkt wieder einmal verschoben hat. Meinen Informationen nach ist es momentan besonders kritisch an der slowenischen Grenze, da laut neusten Informationen am 11. November der Bau eines Grenzzaunes nach Kroatien begonnen hat. Ebenso spielen sich weiterhin besonders dramatische Szenen in Bulgarien sowie auf den griechischen Inseln ab. Vieles auf der Balkanroute basiert auf absoluter Willkürlichkeit. Nur wenige lokale Behörden habeneinen transparenten Einblick in die politischen Geschehnisse, die langfristige Planung und die tatsächlichen Intentionen. Das erschwert die Arbeit aller Beteiligten, also der Polizei, den internationalen Hilfsorganisation sowie den lokalen Behörden. An einem meiner letzten Tage sind wir, als Reaktion auf einen Hilferuf von Freiwilligen an der Slowenischen Grenze, mit einem Hilfskonvoi von der serbokroatischen Grenze zu einem slowenisch-kroatischen Grenzübergang bei Ključ-Brdovečk gefahren. Vorgefunden haben wir absolut dramatische Bilder: auf slowenischer Seite eingepferchte Menschen auf einer nassen Schlammwiese, bestrahlt von mehreren Scheinwerfern, beobachtet vom Militär welches mit allem von Panzern biszu Maschinengewehren ausgestattet war. Ich kann gar nicht in Worten beschreiben, wie menschenverachtend der Umgang mit den Menschen war. Von dort werden sie, nachdem sie teilweise bis zu zwölf Stunden in der Kälte saßen, wie eine Herde kilometerweit bis zum nächsten Camp getrieben. Die Versorgung mit dem Nötigsten wird Freiwilligen größtenteils grundlos untersagt. Zugang zu Wasser sanitären Anlagen größtenteils verwehrt. Und das ganze auf EU Boden, keine 800 Kilometer entfernt von meinem Heimatort – ein absolut verzweifelnder und beschämender Anblick. Nach Medien- und Freiwilligenberichten ist Besserung nicht in Sicht.

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            Kurz möchte ich noch Stellung zum Thema ’whom to blame’ nehmen. Mit dem Finger auf eine Partei zu zeigen ist zu einfach. Besonders an der serbokroatischen Grenze merkte man, wie die fliehenden Menschen unter den Nachfolgen des Krieges zwischen Kroatien und Serbien in den 90er Jahren litten. Kooperation ist fast undenkbar. Serbien ist ein sehr armes Land. Kroatien Teil der EU. Von dem was ich gesehen habe, hat Kroatien sich Mühe gegeben die Situation friedlich zu lösen und nur in schwierigen Situationen Gewalt anzuwenden (im Vergleich zu Ungarn oder Bulgarien zum Beispiel). Ich würde behaupten, dass man bei manch einer Demonstration in Deutschland gewaltbereitere Polizisten antrifft. Ich möchte hier auf gar keinem Fall auch nur irgend eine Seite verteidigen. Ich finde es absolut grenzwertig, dass die EU Außengrenzen bzw. Ländergrenzen im Generellen vor schutzsuchenden Menschen abgeschottet werden und lehne jede Form von Gewalt ab. Allerdings sind die Länder selbst auch in schwierigen Situation, die lokalen Beamten/Polizisten bekommen Befehle, die sie ausführen müssen und haben sozusagen Pech geographisch auf der Balkanroute zu liegen, während wesentlich reichere Länder wie Deutschland, Frankreich, die Schweiz, England etc., dadurch dass sie nicht auf der Hauptroute liegen, nicht betroffen sind und sich somit raushalten können.

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            Aktuell fahren die ersten Züge von Serbien direkt nach Kroatien, von wo die Menschen in Züge umsteigen, die direkt weiter nach Slowenien fahren. Das ist bereits ein großer Fortschritt. Allerdings habe ich in den vergangenen Wochen selbst miterlebt wie schnell sich die gesamte Situation von einem Moment zum nächsten ändern kann. Mit dem von Slowenien gefassten Entschluss, einen Zaun zu bauen, wird sich die komplette Situation wieder ändern, da es somit voraussichtlich zu einem Rückstau in Kroatien kommen wird. Ebenso zieht Österreich, laut Medienberichten in Erwägung einen Grenzzaun zu bauen.

            Während meiner Zeit an den Grenzen durfte ich viele Begegnungen mit fliehenden Menschen machen und ihre berührenden Geschichten hören. Häufig vergessen wir, dass es Menschen sind, die vor Krieg fliehen. Daran erinnern lediglich manche wenige akute Kriegsverletzungen und ihre Geschichten. Mag sein, dass es ein paar Trittbrettfahrer unter ihnen gibt, aber diese gibt es überall, auch Deutschland. Das legitimiert aber nicht, allen Asylanträge diese Absichten zu unterstellen und den Antrag zu verweigern. Die Menschen, denen ich begegnen durfte, waren unfassbar dankbar, auch für das Wenige, dass wir ihnen geben konnten. Die Menschen erzählen von ihrer Reise, Syrer sind meistens bereits vier bis fünf Tage unterwegs gewesen, Afghanen, Iraner und Iraker teilweise seit mehreren Wochen. Für manche begann die Flucht schon vor ein paar Jahren, wie meist von den männlichen Syrern die ihr Studium abbrechen mussten um nach Iran oder Irak fliehen um nicht in den Krieg ziehen zu müssen. (Zum Teil lässt sich der verhältnismäßig große (junge) Männeranteil damit erklären, dass diese entweder von dem IS oder den lokalen Milizen eingezogen werden und in den Krieg ziehen müssen, sofern ihnen keine Flucht gelingt. Frauen, Kinder und ältere Menschen sind somit verhältnismäßig ’sicher’in Syrien.) Die Menschen erzählen uns von ihrer Reise auf eine der griechischen Inseln. Manche hatten Glück, für andere wurde die ca. 45-minütige Überfahrt zum Alptraum. So traf ich zum Beispiel auf zwei allein reisende Brüder (sieben und zwei Jahre alt), deren Eltern ertrunken sind. Das ist leider kein Ausnahmefall. Andere erreichten Griechenland schwimmend, wurden bei ihrem ersten Versuch erwischt und zurück in die Türkei gebracht, von wo aus sie es erneut bei Nacht (!) versuchten. Sie waren meist drei bis vier Stunden im Wasser.

            Die Menschen denen ich begegnet bin, fliehen vor Krieg. Kein Familienvater würde seine Kleinkinder ins Boot setzten, wenn es nicht sicherer wäre als an Land zu bleiben. Sie wissen von den vielen Booten, die in Seenot geraten und den Schwierigkeiten die auf sie in Europa warten. Sie erzählen ihren Kindern, sie fahren in den Urlaub. Wir haben ein falsches Bild von Flüchtlingen und Armut. Menschen die Krieg fliehen sind nicht zwangsläufig arm. Manche Syrer sind Ärzte, Ingenieure oder Lehrer. Sie lassen ihre gesamte Existenz zurück, zum Teil auch großen Wohlstand, reisen mit dem neusten iPhone in einer Plastiktüte und zeigen mir Fotos von ihrem ehemaligen Hab und Gut. Wenig erinnert an ihre Vorgeschichte. Gewaschen und eingekleidet in passenden, aktuell modischen Klamotten könnten sie sich unauffällig in die deutsche Kulisse einreihen. Nur die panische Angst von Kindern vor Helikoptern, die Sprachbarrieren und die schlechtere medizinische Versorgung von (Kriegs-)Verletzungen deutet auf ihre Herkunft hin. Momentan bin ich noch immer in Kontakt mit einigen Flüchtlingen, die ich getroffen habe, viele mit Fragen zu den legalen Angelegenheiten und Empfehlungen. So bekomme ich auch die Schwierigkeiten mit, die sie in Deutschland erwartet.

            Vor ein paar Tagen erst habe ich ein paar Flüchtlinge, die ich in Serbien getroffen habe, in ihrer Erstaufnahmeunterkunft im tiefen Westerwald besucht. Wüsste ich es nicht besser, wäre ich, nicht im entferntesten vom Äußeren auf die Idee gekommen, dass sie gerade einem Krieg entflohen sind. Einer von ihnen ist in meinem Alter, spricht fließend Englisch und hat in Syrien angefangen Jura zu studieren. Vor gut zwei Jahren schon musste er in den Irak fliehen, um nicht im Krieg kämpfen zu müssen. Seit knapp Ende Oktober ist er nun in Deutschland und doch kann ihm keiner konkrete Angaben zu seinem längerfristigen Verbleib geben. Er ist nicht ungeduldig, er ist dankbar in Sicherheit zu sein und doch fällt es mir schwer zu sehen wie jemand, der unter anderen Umständen gut einer meiner Kommilitonen sein könnte, in seiner Bewegungsfreiheit und seinen Möglichkeiten in Deutschland stark eingeschränkt ist. Vermutlich wird er in der Erstaufnahme-Flüchtlingsunterkunft bleiben müssen, bis sein drei Jahre gültiger Asylantrag voraussichtlich bewilligt wird. Die lokalen Behörden gehen von drei bis vier Monaten aus. Er beschwert sich nicht und sagt, dass er hat jetzt, da er in Deutschland ist neue Lebenszeit geschenkt bekommen, aber ich sehe, wie den Menschen die absolute Isolation auf dem ehemaligen Militärstrainingsgelände mitten im Wald nicht gut tut.

            Die Standardfrage die ich zurück in Deutschland/den Niederlanden gehört habe lautet: ”wie war es?”Was soll ich großdazu sagen. Ich bin Zeuge eines absolut kriminellen humanitären Versagens geworden. Es wird versucht, die fliehenden Menschen zu erschöpfen, auszubrennen und durch Repressionen abzuschrecken. Nach meiner Erfahrung sind die physischen Leiden durch Erschöpfung und der Strapazen der Flucht für viele Menschen qualvoll. Darauf waren sie gewissermaßen vorbereitet, viele wussten, dass es ein weiter Weg sein würde. Unerträglich zu ertragen für die Menschen ist aber die menschenunwürdige und verachtende Behandlung, die ständige Ablehnung, welche sie auf der Reise widerfahren. Die Schikanen der Polizei. Eingepfercht in ‘Zaunställen’. Getrieben in langen Menschenketten über das Feld. Von Nächstenliebe kann nicht im Entferntesten gesprochen werden. Häufig, besonders in den schlimmsten Nächten, in denen wir nicht einmal mehr warmen Tee ausgeben konnten, waren die Menschen unfassbar dankbar alleine Menschlichkeit von uns Freiwilligen zu erfahren, auch wenn diese sie nicht warm halten konnte. Oder freundliche Kommunikation zu erleben. Oder Informationen zur Weiterreise zu erhalten. Oder ein Ständchen auf der Gitarre gespielt zu bekommen. Dies mit ansehen zu müssen, war mit unter das Schlimmste. Es macht mich wütend und traurig zugleich und ist beschämend. Mit dem Wissen geht es mir ziemlich schlecht, besonders da mir bewusst ist, wie viele Menschen weiterhin auf der Flucht und in Not sind. Dennoch bin ich froh an die EU-Außengrenze gereist zu sein. So konnte ich zumindest, auch wenn nur einen Bruchteil von Menschen auf einem Teilstück ihrer Flucht unterstützen und offensichtliche Erfolge mit der Polizei und den lokalen Organisationen verhandeln. Somit sind Eure großzügigen Spenden vor allem in Nahrungsmittel, Wasser, Regenjacken und Notfalldecken geflossen. Humanitäre Hilfe im Balkan läuft, nachdem was ich gesehen und gehört habe, fast ausschließlich über internationale Freiwillige, die privat Gelder mobilisieren, ihre eigene Zeit und häufig ihren Jahresurlaub ’spenden’und viele Risiken in Kauf nehmen (in manchen Ländern wie in Slowenien ist es illegal Flüchtlingen zu helfen). Es sind für das 21. Jahrhundert absolut inakzeptable humanitäre Zustände, nicht weit entfernt von zu Hause. Nur kann ich in ein paar Jahren nicht behaupten, nichts davon gewusst zu haben.

    Mit den Freiwilligen bin ich weiterhin vernetzt und wir sind dabei eine Unterstützungsplattform aufzubauen, um auch in nächster Zeit weiterhin aktive Fluchthilfe zu leisten. Diesen Dezember werde ich voraussichtlich für knapp drei Wochen, sofern sich die Situation wider Erwartens nicht grundsätzlich bessert, auf eine der griechischen Inseln reisen, um dort Geflüchtete auf ihrem Weg nach Europa zu unterstützen. Sofern es Euch möglich sein sollte, Euch in unterschiedlichster Form zu engagieren, sei es lokal in Eurer eigenen Kommune nach dem Motto ’donate time, not money’, erfolgreichen Asylanträgen Wohnraum zu stellen, finanziell Freiwillige zu unterstützen oder gar selbst, auch wenn nur für ein paar Tage, an einer der Grenzen die Stellung zu halten, würde ich dies sehr begrüßen. Kommt gerne auf mich zu, wenn Ihr diesbezüglich Fragen habt.

          Spenden sind weiterhin sehr willkommen und dringend benötigt. Das dafür eingerichtete Spendenkonto*** freut sich nach wie vor über Spenden, welche zu 100% an die Grenzen gehen. Jeder Cent kommt an und auch mit kleinen Beträgen kann viel erreicht werden.

Empfänger: Rebecca Berker
IBAN: DE52120300001031013749
BIC: BYLADEM1001
Verwendungszweck: Flüchtlingshilfe

            Ich bin Euch sehr dankbar für Eurer Vertrauen und Eure großartige Unterstützung und spreche damit vermutlich aus dem Herzen der vielen Menschen, die gerade auf der Flucht sind und denen ich begegnet bin. Teilt diese Berichte gerne mit weiteren Interessierten. Ich finde es wichtig, die tatsächlichen Geschehnisse vor Ort an den Grenzen zu dokumentieren und zu verbreiten!

Viele liebe Grüße,

Rebecca Berker

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Zu meiner Person:

Rebecca BerkerIch heiße Rebecca Berker, bin 21 Jahre alt und gebürtige Hessin aus Darmstadt. Derzeit bin ich Studentin am University College Maastricht in den Niederlanden, wo ich mich auf die Koordination von Katastrophenhilfe spezialisiere.

Kontakt: Rebecca Berker | rebeccaberker (at) gmail.com

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Zusätzlich gibt es für jede Grenzregion separate Facebook-Gruppen, welche leicht über eine Stichwortsuche gefunden werden können.

(Alle Bilder von “International Volunteers”)

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